Das große Sterben hat begonnen
Allgemeine Zeitung | 28 Juli 2011

Von Kristin Palitza, Kapstadt
Tausende sind tot. Tausende weitere liegen im Sterben. Mehr als 11 Millionen Menschen hungern im Horn von Afrika. Internationale Hilfsorganisationen können die tägliche Flut Hilfesuchender kaum bewältigen.
Kenias überfülltes Flüchtlingslager Dadaab befindet sich im Chaos. Jetzt werden Tausende in Erweiterungslager Ifo 3 umgesiedelt. Doch dort gibt es kaum sauberes Wasser und Sanitäranlagen. Dies sei ein Verstoß gegen humanitäre Mindestnormen, sagt medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.
Mehr als 200 Familien wurden gestern nach Ifo 3 gebracht. Insgesamt sollen hier 60.000 Flüchtlinge angesiedelt werden. Das Lager ist nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen nur für 20.000 Menschen gedacht. Wasser muss täglich angefahren werden. Latrinen müssen noch gegraben werden. Ifo hat außerdem kein Krankenhaus, sodass Patienten in andere Lager verwiesen werden müssen, deren Krankenhäuser bereits überlastet sind.
Derweil steht das nur wenige Kilometer entfernte Lager Ifo 2, das im November eröffnet werden sollte, noch immer leer. Ifo 2 ist mit Bohrlöchern, Latrinen, Duschen, Elektrizität, Unterkünften und Schulen ausgestattet. Warum sich die kenianische Regierung sich weigert das Lager zu öffnen will niemand sagen.
In Dadaab – mit einer Kapazität für 90.000 Menschen das größte Flüchtlingslager der Welt – herrscht Chaos. Mittlerweile sind hier fast 400.000 Flüchtlinge angekommen. Tag für Tag werden es mehr. „Es treffen täglich circa 1.400 neue Menschen ein“, sagte Juliett Otieno, Pressesprecherin der Hilfsorganisation CARE Kenia.
UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR kann dem Bedarf, Flüchtlinge zu registrieren kaum nachkommen. „Es fehlt an Personal, an Kapazität. Flüchtlinge, die heute registriert werden, können erst ab Mitte-Ende September in den Lagern aufgenommen werden. Zwei Monate sind sehr lang“, sagte Otieno. Für viele werde es bis dahin zu spät sein.
„Die Menschen, die über die somalische Grenze ins Dadaab Flüchtlingslager kommen, sind bis auf die Knochen abgemagert“, erklärte CARE Humanitäre Direktorin Barbara Jackson, die das Lager diese Woche besuchte. „Das Ausmaß des Leidens ist unvorstellbar. Die Menschen brauchen sofortige Hilfe.“
Die Vereinten Nationen versuchen verzweifelt, mehr Unterkünfte für die unaufhaltsamen Strom von Flüchtlingen zu schaffen. In Sasi, im Norden Kenias, soll ein in den nächsten Wochen ein zusätzliches Erweiterungslager, mit dem Namen Kambioos, mit Kapazität für 120.000 Menschen geschaffen werden. „Insgesamt 180.000 Flüchtlinge sollen bei Ende November aus Dadaab nach Kambioos und Ifo 3 verlegt werden“, erklärte Otieno.
Seit Wochen müssen sich Neuankömmlinge notdürftig in den Außenbereichen Dadaabs ansiedeln wo sie sich behelfsmäßig aus Ästen und Planen Unterkünfte bauen. Einige Flüchtlinge herhalten nicht einmal drei Liter Wasser pro Tag, laut Ärzte ohne Grenzen.
Auch die Sicherheitslage der Flüchtlinge ist ungewiss. Hilfsorganisationen und die kenianische Regierung befürchten, Milizen der islamischen und al-Qaida nahestehenden Gruppe Al-Shabab könnten Waffen in die Lager schmuggeln. So werden Mitarbeiter von Hilfsorganisationen von bewaffneten Sicherheitsleuten durch das Lager eskortiert.
„Die Sicherheitssituation noch unbestätigt und hat bislang die humanitäre Arbeit im Lager nicht beeinflusst“, versicherte Otieno. UNO Sicherheitsarm UNDSS habe begonnen, die Sicherheitslage Dadaabs zu überprüfen.
In Somalia bleiben Hungernde aufgrund von Al-Shabab, die große Teile des Südens kontrolliert, von Hilfe abgeschnitten. Allein hier sind 3.7 Millionen Menschen, rund ein Drittel der Bevölkerung, vom Hungertod bedroht. In einigen Gebieten im Süden des Landes ist laut UNICEF jedes dritte Kind schwer unterernährt.
Zehntausende Somalis sind Richtung Norden gewandert, in der Hoffnung, in Hauptstadt Mogadishu Lebensmittel, Wasser und humanitäre Hilfe zu finden. Laut UNHCR treffen täglich 1.000 neue Flüchtlinge in Mogadishu ein. Dies habe zu Massenaufläufen und Gedrängen sowie zu Plünderungen an Ausgabestellen geführt. Die schwächsten erhielten daher oft keine Hilfe.
Ein älterer Mann erzählte UNHCR Angestellten er sei aus seinem Dorf in der Lower Shabelle Region in Zentral-Somalia nach Mogadishu gelaufen, nachdem seine Kühe gestorben waren. In der Stadt angekommen, habe er sich nicht durch die Menschenmenge zum Ausgabepunkt von Nahrungsmitteln durchdrängen können und musste tagelang weiter hungern.
Somalias Außenminister Mohamed Ibrahim, der im Exil lebt, forderte die Errichtung eines humanitären Korridors, um die am schlimmsten Betroffenen Gebiete zu erreichen.
Josette Sheeran, Vorsitzende des UN Welternährungsprogramms (WEP), sagte die Organisation plane, Nahrungsmittel nach Mogadishu sowie nach Dolo in Äthiopien, das an der Grenze zu Somalia liegt, und nach Wajir im Norden Kenias, das ebenfalls von der Dürre betroffen ist, fliegen.
Nachdem die Luftbrücke von bürokratischen Sicherheitsmaßregeln in Kenia für einige Tage aufgehalten wurde, brachte am Mittwoch der erste WEP-Flieger zehn Tonnen einer auf Erdnussbutter basierenden Nahrungsergänzungspaste, die 3500 Kinder für einen Monat ernähren kann.
Das Leiden der Kinder in Somalia sei “das Schlimmste, das ich jemals gesehen habe”, sagte Sheeran nachdem sie Mogadishu und das Dadaab Flüchtlingslager besuchte. Kinder dort seien so schwach, dass sie “nur wenig Chance, weniger als 40 Prozent Chance, zum Überleben” hätten.
Erst seit Montag erlaubt Al-Shabab zwei internationalen Organisationen – Kuwait Direct Aid und Rotes Kreuz – Nahrungsmittel in Lower Shabelle zu verteilen. Für viele kommt die Hilfe zu spät. “Wir sind absolut hilflos”, sagte Nuuriya [Nachname vorenthalten], eine Großmutter aus der Region zu UNHCR Mitarbeitern.
Die 55jährige wanderte mit ihren fünf Kindern und zwei Enkeln 600 Kilometer ohne Wasser oder Lebensmittel zu Fuß durch die Savanne gen Norden, bis sie 14 Tage später die Stadt Galkayo erreichten.
Die UNO hat eine Billion Dollar Spenden erhalten, um die Hungersnot am Horn von Afrika zu bekämpfen. Eine weitere Billion wird bei Ende des Jahres benötigt, um Krisenhilfe aufrecht zu erhalten.


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