Kristin Palitza is an award-winning independent Africa correspondent. She works as a stringer for  TIME, Forbes Africa, Monocle and dpa. Her work has also been published in the Guardian and IPS. In her spare time, she likes to write a literary blog.

She lives and works in Cape Town, South Africa, but is available for assignments anywhere on the continent.

- - - - - - - - - - - - - - -

Kristin Palitza arbeitet als freie Afrika-Korrespondentin. Sie ist feste freie Mitarbeiterin bei dpa, TIME, Forbes Africa und Monocle. Ihre Artikel wurden under anderem auch im Guardian und IPS veröffentlicht. In ihrer Freizeit schreibt sie gern an ihrem literarischen Blog.

Sie lebt und arbeitet im südafrikanischen Kapstadt, ist jedoch für Aufträge überall in Afrika verfügbar.

+27 72 287 2202   kpalitza@gmail.com

Latest tweets
Editor Login
« »Freiheit wächst nicht an Bäumen« | Main | Heiße Debatte um Zapiro-Cartoon »
Wednesday
Jun152011

Schuften für den Genuss Europas

ND | 12 Juni 2011

Von Kristin Palitza, Lilongwe

Malawi ist der fünftgrößte Exporteur von Tabak. Dafür müssen Tausende von Kindern auf den Tabakfeldern schuften. Das ruiniert ihre Gesund- heit, die Schule fällt für sie aus. Weltweit müssen etwa 200 Millionen Kinder unter 14 Jahren arbeiten. Da- rauf soll der Internationale Tag gegen Kinderarbeit aufmerksam machen, der auf Initiative der Internationalen Ar- beitsorganisation seit 2002 jährlich am 12. Juni begangen wird.

Während der Erntesaison kann man überall auf den wallenden Feldern des Kasungu Distrikt, Malawis vornehmlichem Tabakanbaugebiet, Kinder antreffen, die die großen grün-gelben Blätter pflücken. Einige sind grade mal fünf Jahre alt.

Mehr als 78,000 Kinder arbeiten auf den Tabakfeldern des Landes, laut internationaler Kinderrechtsorganisation Plan. Sie erhalten durchschnittlich lächerliche 0.12 Euro für zwölf Stunden unablässige Arbeit. Dazu werden sie oft körperlich und sexuell misshandelt.

„Die Kinder handhaben Tabak mit bloßen Händen und inhalieren den Staub der getrockneten Blätter. Sie arbeiten von früh morgens bis spät abends, ohne genug Pausen, ohne Zeit zum Spielen, Schlafen oder zur Schule zu gehen“, sagt Plan Malawi Kinderschutzkoordinatorin Grace Masanya. „Kinder müssen sogar Pestizide spritzen.“

Die Arbeit birgt schwerwiegende Gesundheitsrisiken. Da die Tabakblätter hauptsächlich ohne Schutzkleidung gehandelt werden, leiden viele Kinder an Green Tobacco Sickness (GTS), oder Nikotinvergiftung, zu deren Symptomen starke Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Muskelschwäche, Husten und Atemlosigkeit gehören.

Einer der Kinderarbeiter ist der fünfjährige Olofala. Zusammen mit seinen sechs Geschwistern, die alle zwischen fünf und 15 Jahre alt sind, hilft er seinen Eltern tagein, tagaus auf den Tabakfeldern Kasungus. Wenn gefragt, ob er nächstes Jahr eingeschult wird, zuckt Olofala nur mit den Schultern.

Eines ist dem Jungen bereits im Kindesalter klar: Arbeit und Überleben kommen an erster Stelle, Bildung an zweiter. Olofalas Schwester Ethel ist mit zwölf Jahren gerade mal in der dritten Klasse. Sie geht nur selten zur Schule – entweder weil sie auf den Feldern arbeiten muss, oder weil sie krank ist. „Ich huste. Ich habe Schmerzen in der Brust und Kopfschmerzen. Manchmal fühlt es sich an, als ob ich nicht genug Luft bekomme“, erzählt das Mädchen.

Keine Zeit für die Schule

Kinderarbeit bleibt gravierend in Malawi, obwohl es die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet hat, die Kinder vor gefährlicher Arbeit, die Gesundheit oder Bildung einschränken könnte, schützen soll. Die Regierung ratifizierte außerdem die Mindestbeschäftigungsalterkonvention der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) sowie die Konvention über die Schlimmsten Formen von Kinderarbeit.

Zusätzlich hat Malawi nationale Kinderschutzrichtlinien. Das Grundgesetz verbietet die Beschäftigung von Kindern unter 16 Jahren, während Malawis Arbeitsgesetz Kinderarbeit sogar unter 14 Jahren untersagt.

Doch erst im vergangenen Jahr entwarf die Regierung einen Nationalen Aktionsplan für Kinderarbeit (NAP) der die Gesetze implementieren soll. „Malawis Regierung erkennt die weitreichenden, kontraproduktiven Effekte der Kinderarbeit an“, gab Arbeitsminister Yunus Mussa in der Einleitung des offiziellen NAP Dokuments im April 2010 zu.

Dennoch bestehen weiterhin große Lücken in der Gesetzgebung, die die Ausmerzung von Kinderarbeit in Malawi hindern, sagt die IAO. Abgesehen von der Inkonsistenz bestehender Gesetze fehle ein umfassendes nationales Kinderarbeitsgesetz.

Obwohl die Regierung über die letzen zwei Jahre an einem Kinderarbeitsgesetz gearbeitet hat, bleibt unklar wann der Entwurf dem Parlament vorgelegt werden soll. „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind schwach. Es könnte Jahre dauern bis das Kinderarbeitsgesetz ratifiziert wird“, meint Tomoko Horii, Leiterin des Unicef Kinderschutzprogramms in Malawi.

Sie glaubt, die Versprechen der Regierung, Kinderarbeit abzuschaffen seien hauptsächlich Augenwischerei, um steigenden internationalen Druck abzuwenden.

 

Malawis Regierung hat in der Tat großen Anreiz, Tabakfarmer zu schützen. Als fünftgrößter Tabakhersteller der Welt kommen rund 70 Prozent von Exportgewinnen vom Tabakverkauf. Die Wirtschaft hängt ganz klar finanziell von diesem ab.  

Noch nicht einmal der NAP, der neueste Gesetzesentwurf, enthalte konkrete Zielsetzungen für den Abzug von Kinderarbeitern und – noch wichtiger – kein angemessenes Budget. „Die Mittelzuweisung ist minimal. Bislang müssen alle NAP Projekte von internationalen Organisationen finanziert werden“, sagt Horii.

Das Bezirksamt für Kinderarbeit in Kasungu erhält beispielsweise nur ein winziges Budget von monatlich 238 Euro. „Das reicht kaum, um den Tank zu füllen, um Farmen zu inspizieren“, beklagt sich Masanya.

Khalid Hassan, leitender technischer Ratgeber für IAOs internationales Kinderarbeitsprogramm in Malawi, stimmt Masanya zu. Ohne umfangreiche Haushaltsmittel werde Kinderarbeit für Dekaden ein Problem bleiben. „Die Ratifizierung von Konventionen und Beschluss von Gesetzen allein können das Problem nicht lösen. Es braucht Geld, kosteffiziente Programme, Infrastruktur und harte Arbeit“, erklärt er. „ Die Regierung muss sich effizienter zeigen.

 

Die schlechte Wirtschaftslage des Landes bleibt eine der schwerwiegendsten Hindernisse für Reformen. Malawi, das im 2007-8 Human Development Index als Nummer 164 von 177 Ländern klassifiziert wurde, gehört zu den ärmsten Entwicklungsländern der Welt. Circa 40 Prozent der 13.2 Malawier leben unterhalb der Armutsgrenze von 1.25 Dollar pro Tag.

Eltern erwarten daher, dass ihre Kinder helfen ein Einkommen für die Familie zu erwirtschaften. Außerdem bietet Malawis schwaches Bildungssystem kaum Motivation, Kinder in die Schule zu schicken. Es fehlen 30.000 Klassenräume im Land. Lehrer unterrichten Klassen mit durchschnittlich 88 Schülern. Nur ein Drittel aller Kinder hat einen Grundschulabschluss.

Die Qualität und Relevanz der Schulbildung ist extrem niedrig. Falls das Bildungssystem nicht verbessert wird, werden Kinder arbeiten anstatt zur Schule zu gehen“, sagt Horii.

Trotz der riesigen Profite multi-nationaler Tabakkonzerne, gelingt es Malawis Farmern nur selten, Gewinne zu machen. Sie suchen daher nach Möglichkeiten, Kosten zu kürzen – und das heißt, dass Kinder ausgebeutet und risikoreichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt werden, sagt Plan.

>Gutsbesitzer Fraston Mkwantha, der 15 Hektar Tabak anbaut, stellt sich ahnungslos, wenn man ihn über das Thema Kinderarbeit befragt. Dabei arbeiten einige Minderjährige auf seinen Feldern, einschließlich seiner Enkelkinder. Von den gesundheitlichen Risiken wisse er auch nichts. „Ich weiß, dass Rauchen für die Gesundheit schlecht ist, aber ich habe noch nie davon gehört, dass es gefährlich ist, die Blätter anzufassen“, behauptet er.

Eines der Kinder, die für Mkwantha arbeiten, ist der stockige, 15jährige Felix. Er wurde von dem Gutsbesitzer letzen Juni angestellt. „Die Arbeit ist schwer. Ich arbeite von Montag bis Samstag, von sieben Uhr morgens bis elf Uhr abends“, erzählt Felix, der nach der fünften Klasse die Schule verließ. Für zwölf Monate harte Arbeit wurde ihm ein Gehalt von 95 Euro versprochen.

Es ist jedoch fraglich, ob der Junge das Geld je sehen wird. „Wir haben viele Berichte von Kindern, die mit einem guten Gehalt gelockt werden. Doch am Ende der Saison werden sie mit einem alten Pullover bezahlt“, warnt Masanya. Waisen und Kinder, die von ihren Eltern getrennt leben, seien besonders von Ausbeutung betroffen.

Ohne juristische Konsequenzen ist es schwierig, Farmer zu zwingen, gesetzliche Vorschriften zu befolgen. Einige Güter achten das Kinderarbeitsverbot, doch die meisten ignorieren es willentlich, um höhere Profite zu erzielen“, sagt Plan Malawi Kinderrechtsberater MacDonald Mumba. „Um Druck auf Gutsbesitzer auszuüben brauchen wir ein schwerwiegendes Strafsystem und Gefängnisstrafen.“

In den vergangenen zwei Jahren wurden lediglich 49 Gutsbesitzer der mehr als 22.000 registrierten Farmen im Kasungu Distrikt zur Verantwortung gezogen, sagt Mumba, und die meisten kamen mit einer Geldstrafe von 24 Euro davon.

Doch auch internationale Tabakgiganten, wie Philip Morris International und British American Tobacco, tragen zu dem Problem bei. Obwohl sie sich offiziell dazu verpflichten, keinen Tabak von Farmen zu kaufen, die Kinder anstellen, steckt Malawis Tabak weiterhin in fast jeder Zigarette, die in Industrieländern geraucht wird.

Vielleicht um sich von ihrem schlechten Gewissen zu entlasten, finanziert seit 2001 eine Gruppe internationaler Tabakgiganten, Landwirte und Gewerkschaften den in Genf sitzenden Fonds für die Abschaffung von Kinderarbeit im Tabakanbau (ECLT). Dieser führt in Malawis Tabakanbauregionen verschiedene Programme im Bereich Gesundheit, Bildung, Nahrungsmittelsicherheit und Wasserversorgung durch.

Es wurde anerkannt, dass Kinderarbeit in Tabakfeldern existiert und vereinbart, dass etwas im Zusammenschluss dagegen getan werden muss“, erklärt ECLT Geschäftsführerin Marilyn Blaeser. Seit 2002 habe ECLT 5.4 Millionen Euro in Projekte gesteckt.

„Wir konzentrieren uns auf vorbeugende Ansätze, die ein Umfeld schaffen, in dem Kinder aus der Kinderarbeit abgezogen werden können“, sagt Blaeser. „Die Verminderung von Kinderarbeit ist ein komplexer politischer, sozialer und kultureller Prozess.

Dass es Jahrzehnte dauern könnte, Kinderarbeit auszumerzen, zeigt sich anhand der niedrigen Erfolgsquote, Kinder von den Feldern abzuziehen. Plan hat seit 2009 lediglich 2.000 Kinder von den Farmen Kasungus entzogen, während ECLT seit 2006 weitere 2.160 Minderjährige abgezogen hat.

Kinder wie den 17jährigen Gordon, der auf Tabakfeldern arbeitet seitdem er fünf ist, werden die geplanten Interventionen allerdings zu spät kommen. „Ich konnte nie zur Schule gehen. Ich kann weder schreiben noch lesen“, sagt er leise.

Er hofft, dass seine fünfjährige Schwester Bahati, die bereits mit bei der Ernte mithilft, es eines Tages besser haben wird.

 

Die Recherche dieser Reportage wurde finanziell vom Fond für Investigativen Journalismus in Washington DC ermöglicht.

PrintView Printer Friendly Version

Reader Comments

There are no comments for this journal entry. To create a new comment, use the form below.

PostPost a New Comment

Enter your information below to add a new comment.

My response is on my own website »
Author Email (optional):
Author URL (optional):
Post:
 
Some HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>