Wenn jeder Weg viermal länger ist
Aargauer Zeitung | 19. Februar 2011
von Kristin Palitza
Seit einem Autounfall in 1992 sitzt Nosisa Hlwatika im Rollstuhl. Ihr Leben hat sich seitdem dramatisch verändert. Nicht nur, weil sie nicht mehr laufen kann, sagt sie. Sondern vor allem weil es in Südafrika so gut wie keine Maßnahmen gibt, die das Leben körperlich und geistig Behinderter erleichtern.
Bahnhöfe haben keine Rampen oder Lifte, öffentliche Gebäude sind nur selten rollstuhlgerecht, und es gibt nur wenige behindertengerechte öffentliche Toiletten. „Die Regierung behandelt uns wie zweitklassige Bürger. Mein Leben im Rollstuhl ist eine große Herausforderung“, klagt die 41jährige.
„Ich brauche viermal so lange wie nicht behinderte Menschen, um irgendwo anzukommen. Sogar Freunde besuchen ist schwierig. Oft verlasse ich mein Haus erst gar nicht. I fühle mich total isoliert“, erzählt Hlwatika.
Obwohl Südafrika Ende 2007 die UNO Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifizierte und die Verfassung des Landes bereits seit 1994 Gleichberechtigung für Behinderte sicherstellen soll, sieht die Realität anders aus.
„Es besteht ein krasser Widerspruch zwischen den offiziellen Rechten von Behinderten und deren Alltagsleben“, sagt Professor Steven Friedman, Direktor des Zentrums für Demokratieforschung in Johannesburg.
Es sei einfach, ein Dokument zu unterzeichnen, dass die Rechte von Behinderten sichert. Es benötige jedoch fassbaren politischen Willen, um Richtlinien umzusetzen. „Und die Ausrede ist immer, dass nicht genug Geldmittel vorhanden sind“, meint Friedman.
Trotz nationaler Richtlinien, die Teilhabe und Integration in die Gesellschaft ermöglichen sollen, bleiben Behindere eine Randgruppe. „Behinderte in Südafrika sind ganz klar nicht Gleichberechtigt. Ganz im Gegenteil. Die meisten werden von der Gesellschaft ausgeschlossen“, sagt Friedman.
Das ist vor allem für Behinderte der Fall, die zu den rund 40 Prozent von Südafrikanern gehören, die unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag leben. Abgesehen von Transportproblemen, sind sie auf das öffentliche Gesundheitssystem angewiesen, das in ländlichen und semi-urbanen Gebieten so gut wie keine behindertengerechte Dienstleistungen anbietet.
So gibt es beispielsweise kaum physiotherapeutische, psychologische oder psychiatrische Behandlung. Oftmals haben Kliniken keine Krücken oder Rollstühle verfügbar. Vielen körperlich Behinderten bleibt nichts anderes übrig, als zuhause im Bett zu liegen. Und wer in einem der Slums Südafrikas lebt, muss es irgendwie schaffen, das öffentliche Plumpsklo zu benutzen und Wasser aus dem Dorfbrunnen zu schöpfen.
„Das Ausmaß der Diskriminierung ist erschreckend. Es handelt sich um eine mächtige Menschenrechtsverletzung. Behinderte werden hier nicht mit Humanität behandelt“, sagt Friedman.
Die Diskriminierung beginnt für viele schon im Kindesalter. Es gibt nur wenige Schulen für geistig und körperlich Behinderte und noch weniger Schulen, die Behinderte in den Unterricht integrieren.
„Ihr ganzes Leben lang müssen Behinderte versuchen, sich durchzuschlagen. Die grundlegendsten Dinge stehen uns nicht zur Verfügung“, beschwert sich Jabaar Mohamed, Vorstandsmitglied des Taubstummenverbandes Südafrika (DeafSA). „Wir haben Lehrer, die an Schulen für Taubstumme angestellt sind, aber keine Zeichensprache beherrschen. Wir haben Schule für Blinde, die keine Bücher mit Blindenschrift haben.“
Eine Hochschulausbildung sei für die meisten Behinderten unmöglich, sagt Mohamed. Und einen Arbeitsplatz zu finden noch viel schwerer.
Dennoch gibt es Hoffnung, dass sich das Leben Behinderter in Südafrika mit Hilfe der UNO Konvention ändern wird. „Die Ratifizierung ist ein Wendepunkt für Südafrika“, glaubt UNO Behinderung Sonderberichterstatter Shuaib Chalklen. „Sie bedeutet, dass Südafrika offiziell Behindertenrechte zur nationalen Verantwortung und Pflicht gemacht hat. Maßnahmen für Behinderte sind damit nicht länger reine Wohltätigkeit und Nächstenliebe.“
Südafrika ist einer von 24 afrikanischen UNO Mitgliedsstaaten, das die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert hat.
Es sei nun die Rolle von Behinderten, sicherzustellen, dass ihre Bedürfnisse auf die nationale Tagesordnung gesetzt werden und die Regierung gegebenenfalls zur Rechenschaft zu ziehen. „Behinderte Südafrikaner müssen ihre Stimmen hörbar machen, denn niemand anders wird sich für ihre Rechte einsetzen“, erklärt Chalklen, ein Südafrikaner, der selbst im Rollstuhl sitzt.
Trotz seines Optimismus ist sich der Sonderberichterstatter jedoch bewusst, dass Südafrika einen weiten Weg vor sich hat, volle Gleichberechtigung für Behinderte schaffen. „Bislang wurde nur sehr wenig getan. Generell gibt es immer noch so gut wie keine soziale Erleichterung. Und nur sehr wenige finanzielle Geldmittel sind für Behinderte reserviert“, sagt Chalklen.
Südafrikas Präsident Jacob Zuma gab im Dezember 2010 während einer Ansprache am Weltbehindertentag zu, die Regierung sei nachlässig gewesen, was die Rechte von Behinderten betrifft. Die Situation sei „bestürzend“ erklärte er. Behinderte erhalten monatlich nur 110 Euro staatliche Beihilfe.
Zuma versprach, vor allem die Beteiligung von Behinderten in der Wirtschaft des Landes zu erhöhen. In diesem Jahr sollen geistig und körperlich Behinderte zwei Prozent der arbeitenden Bevölkerung ausmachen. Momentan sind nur 0.9 Prozent aller Angestellten behindert.
Doch in einem Land dessen Arbeitslosigkeit bei 35.8 Prozent liegt, wird Zumas Versprechen nur äußerst schwer zu realisieren sein.


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